web-Imprimatur-Jurabroschuere-2019 - page 10

In diesem Jahr feiert der Juristische Bereich der Juristischen
und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät sein 25-jähriges
Bestehen. 25 Jahre Juristische Fakultät sind an einer Univer-
sität mit großer Geschichte nicht viel mehr als ein Wimpern-
schlag. Der große Naturrechtler Christian Thomasius lehrte
das Gedankengut der Aufklärung und gründete 1694 diese
Universität und damit auch unsere Fakultät. Es entstand die
erste deutsche Aufklärungsuniversität, in der die Vernunft
Messlatte für Rechtswissenschaft und Rechtslehre wurden
und damit die tief greifende Abhängigkeit von Herrschafts-
strukturen gebrochen wurde.
Vor etwas mehr als 25 Jahren fand hier in Halle mit der fried-
lichen Revolution erneut ein Aufbruch statt. Es war das An-
liegen der Menschen, sich und nicht zuletzt auch das Recht,
aus der bedingungslosen Abhängigkeit von Autoritäten zu
lösen. Mit der für Juristen typischen Gründlichkeit hatte der
Einigungsvertrag die Möglichkeit eröffnet, bis Ende 1990
bestimmte Institutionen aus der DDR nicht in die neugebil-
deten Länder zu überführen, umschrieben mit dem Begriff
„Abwicklung“. Es wurde darüber entschieden, welche Mitar-
beiter der Universität in den Landesdienst des neuen Lan-
des Sachsen-Anhalt übernommen werden können oder zu
entlassen waren. Unser Rechtshistoriker Prof. Dr. Heiner Lück
prägte den Satz vom freien Fall auf den freien Markt. In der
Praxis bedeutete das, dass den in Halle bereits mitten im Ju-
rastudium stehenden Studentinnen und Studenten im De-
zember 1990 nicht nur der vollständige Lehrkörper, sondern
auch der Unterrichtsstoff abhandengekommen war. Die Le-
bens- und Studiensituation für alle Beteiligten hier in Halle
war damals folglich dramatisch. Die eingeschriebenen Stu-
denten wollten ein Examen ablegen und waren quasi über
Nacht mit einer völlig neuen Rechtsordnung konfrontiert,
die Abwicklung griff tief in das Leben der Menschen ein.
Der damalige Justizminister und Ehrendoktor unser Fakultät,
Walter Remmers, hatte schon im Dezember 1990 bei der Ju-
ristischen Fakultät nachgefragt und dort die Zusage erlangt,
dass man alles tun werde, um für die von der Abwicklung
betroffenen Studierenden eine Zusage für einen weiteren
gesicherten Studienablauf zu machen. So wurde die Idee
vom sogenannten „Stummelsemester“ geboren. Alles, was
in Göttingen eine Lehrbefugnis hatte, machte sich auf den
Weg nach Halle und so war die Keimzelle für den Neuaufbau
der Fakultät geschaffen. Prof. Dr. Hans-Ludwig Schreiber aus
Göttingen erklärte sich bereit, das Amt des Gründungsde-
kans zu übernehmen. Prof. Dr. Dietrich Rauschning koordi-
nierte die Lehrplanung und Prof. Dr. Jürgen Costede über-
nahm die Koordinierung der Sanierungsarbeiten und den
Aufbau der verwaisten Sekretariate.
Die Gründungskommission beendete ihre Arbeit am 1. Juli
1993 mit einem Festakt zur Gründung der neuen Fakultät.
Man zog in den historischen Talaren in der Aula ein, der ers-
te Dekan der Fakultät, Prof. Dr. Michael Kilian, begrüßte als
Festredner den späteren Bundespräsidenten und damaligen
Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Prof. Dr. Roman
Herzog.
Die Arbeitsbedingungen waren weiterhin katastrophal. Die
juristische Fachbibliothek war in drei kleinen Kellerräumen
des Thomasianums untergebracht, ein Leseraum befand sich in der
ersten Etage, der heutigen Dozenten-Bibliothek Zivilrecht. Nach zä-
hen Verhandlungen mit der Hochschulleitung wurde schließlich eine
provisorische Bibliothek in der ersten Etage des Löwengebäudes ein-
gerichtet, zunächst in zwei und dann immer mehr Räumen. Auch die
Vorlesungsräume waren alles andere als attraktiv. Für die Vorlesungen
mussten Lehrende und Studierende zwischen dem Kinosaal der Stasi
am Gimritzer Damm, dem Tschernyschewski-Haus, der heutigen Leo-
poldina, freilich damals noch in nicht renoviertem Zustand, hin und her
pendeln.
Trotz aller Hindernisse war ein Studienbeginn im Sommer 1991 sicher-
gestellt. Diese heute kaum noch vorstellbare Aufbruchssituation hat
dazu geführt, dass alle Mitglieder der Fakultät eng zusammengearbeitet
haben und das prägt bis heute die gute Arbeitsatmosphäre hier in Halle.
Ein sichtbares Zeichen des Neuanfangs wurde der Neubau unseres Ju-
ridicums, ein einzigartiges Projekt. Für uns war es ein Glücksfall, dass
Gernot Schulz als Architekt sich zum Ziel gesetzt hatte, gemeinsam mit
dem zukünftigen Nutzer zu planen und zu bauen. Von mehr als 40 Milli-
onen DM als erste Planungsgröße startete der Bau mit einem Kostenrah-
men von 35 Millionen, verbaut wurden am Ende 32 Millionen, und das
neue Juridicumwurde nach 18 Monaten Bauzeit pünktlich vor genau 20
Jahren unserer Fakultät als Nutzer übergeben. Auch der übrige Universi-
tätsplatz, die beeindruckende Freitreppe und das Audimax wurden von
Gernot Schulz gestaltet.
2001 erreicht die Fakultät erstmals beim CHE-Rangking einen Spitzen-
platz unter den deutschen Juristischen Fakultäten; nur 10 Jahre nach der
Abwicklung in die Spitze, wo wir heute noch mit Stolz stehen.
Die Fakultät ist in der Wissenschaftslandschaft angekommen, wichti-
ge Fachgesellschaften haben ihre großen Tagungen in Halle mit gro-
ßen Erfolgen durchgeführt. Auch wurde die Studienreform erfolgreich
abgeschlossen und ein Prüfungsamt ins Leben gerufen, das bis heute
zuverlässig arbeitet. Studierende aus Halle glänzen auf nationaler und
internationaler Ebene in verschiedenen Moot-Court-Veranstaltungen.
Nach langer Diskussion über die Organisation des Studienbeginns eta-
blierte die Fakultät Wege für die bessere Integration der Erstsemester
und entwickelte das bis heute erfolgreiche und immer wieder gelobte
Modell der Einführungswoche. Die internationalen Kontakte der Fakul-
tät werden immer intensiver, der Joint Master of International Economic
Law gemeinsam mit der South West University of Chongquing in Chi-
na eröffnete den intensiven Austausch zwischen beiden Studienorten.
Prof. Höland und Prof. Kilian etablieren gemeinsam mit Prof. Beulke aus
Passau die Seminarreihe, in der die Bedeutung von Recht und Juristen
in der Geschichte des Nationalsozialistischen Staates, insbesondere das
Vernichtungsprogramm der Nazis, eine zentrale Rolle spielen. Tief be-
eindruckt kommen die Studierenden regelmäßig von der Seminarver-
anstaltung in Oswiecim, dem ehemaligen Auschwitz, zurück.
An der Fakultät hat sich inzwischen zur Vorbereitung auf das erste
Staatsexamen das fakultätseigene Ganzjahresrepetitorium etabliert. Die
hohe Qualität der Juristenausbildung in Halle, die nicht umsonst immer
stärker nachgefragt wird, schlägt sich in den Examensergebnissen po-
sitiv nieder.
Ganz besonders stolz ist die Fakultät auf unsere „Renziband“ und den fa-
kultätseigenen Chor, der beim fünfundzwanzigjährigen Jubiläum seine
Premiere feierte.
Hans Lilie
8
25 Jahre Juristische Fakultät
1993–2018
1,2,3,4,5,6,7,8,9 11,12,13,14,15,16,17,18,19,20,...114
Powered by FlippingBook