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Halle-Wittenberg 1817–2018
Von den vielen wichtigen Ereignissen und Persönlichkeiten,
welche für die hallische Universität im 19. und 20. Jh. relevant
waren, können hier nur wenige genannt werden.
Im Jahre 1862 erfolgte deutschlandweit die Einrichtung des
ersten Lehrstuhls für Landwirtschaft. Die Universität hatte
ihr Domizil ursprünglich in der Ratswaage am Markt (nicht
mehr vorhanden). Im Jahre 1834 wurde das Hauptgebäude
auf dem Gelände des ehemaligen Barfüßerklosters fertig ge-
stellt. Die markanten Löwenplastiken zieren die Freitreppe
des Gebäudes seit 1868. In den darauf folgenden Jahrzehn-
ten kamen mehrere neoklassizistische Gebäude am Univer-
sitätsplatz hinzu, darunter der Sitz der Juristischen Fakultät,
das THOMASIANUM (1911).
Die „Vereinigte Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg“, wie
sie seit 1817 hieß, erlebte zwischen 1933 bis 1945 schicksal-
hafte Jahre. Aus Anlass des 450. Geburtstages Martin Luthers
(10. November) erhielt sie am Reformationstag (31. Oktober)
1933 ihren heute noch gültigen Namen. Bedeutende Ge-
lehrte jüdischer Herkunft wurden von den nationalsozialisti-
schen Machthabern vertrieben.
Mit der Besetzung Halles durch die sowjetische Armee am
1. Juli 1945 wurde die Universität geschlossen, um im Ok-
tober 1946 in Anwesenheit der Besatzer wiedereröffnet zu
werden.
Die politischen Verhältnisse während der folgenden Jahr-
zehnte brachten Kuriosa, Flucht, Denunziation, Maßregelung
und Vertreibung, aber auch Standhaftigkeit der Unbeug-
samen hervor. Nach der politischen Wende von 1989/90
wurden neue Strukturen geschaffen, welche grundsätzlich
dem Prinzip der Freiheit von Forschung und Lehre verpflich-
tet sind. Die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ist
heute eine konkurrenzfähige und international geachtete
Bildungs- und Forschungseinrichtung. An ihr studieren zur
Zeit ca. 20.000 Studentinnen und Studenten. Die moderne
Architektur am Universitätsplatz (Juridicum [1998], Auditori-
ummaximum [2002]), aber auch am Steintor- und Weinberg-
campus sowie am Campus Heide-Süd spricht für sich.
Das heute noch gebräuchliche amtliche Doppelsiegel der
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg vereinigt das
Siegel der Universität Wittenberg (rechts) und das Siegel
der Universität Halle (links). Im rechten Siegel ist der Gründer der Uni-
versität Wittenberg, Kurfürst Friedrich III. von Sachsen (1486–1525), zu
sehen, während das linke Siegel
den Gründer der Universität Hal-
le, Kurfürst Friedrich III. von Bran-
denburg (1688–1713), zeigt.
Sein Gebrauch beim Ausferti-
gen von Urkunden, Zeugnissen,
„Scheinen“, Ausweisen u.ä., neu-
erdings auch als identitätsstiftendes Design auf Kleidungsstücken und
Accessoires, rückt neben dem aufgeklärten Halle auch stets die Univer-
sität als Ausgangspunkt der lutherischen Reformation in den BlicK. In
diesem Jahr 2017 wird in weiten Teilen der christlichen Welt, vor allem
aber in Wittenberg, das 500. Jubiläum dieses weltgeschichtlich be-
deutsamen Ereignisses gedacht – mit wissenschaftlichen Konferenzen,
einer Vielzahl von Buchpublikationen und zahlreichen kulturellen Ver-
anstaltungen. Der Auftakt zu dieser kraftvollen und weltumfassenden
Bewegung, die im Zusammenhang mit den Reformationen in England
(König Heinrich VIII.), Frankreich (Jean Calvin) und der Schweiz (Huldrych
Zwingli) gesehen werden muss, war der bekannte Anschlag von 95
Thesen des Wittenberger Universitätsprofessors der Theologie Martin
Luther am 31. Oktober 1517 an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg.
Die letztere diente auch als Universitätskirche, d.h. als Ort feierlicher
akademischer Versammlungen, etwa aus Anlass von Promotionen,
aber auch als ehrenvoller Begräbnisplatz für Wittenberger Professoren
und andere Persönlichkeiten. Der „Thesenschlag“ lässt sich mit Quellen
nicht ganz eindeutig belegen. Zu Recht zweifelte die Forschung bislang
an der populären Überlieferung, doch hat ein jüngerer Quellenfund
die Vermutung erhärtet, dass es diese Handlung Luthers, die vom äu-
ßeren Ablauf her zu den akademischen Üblichkeiten der Zeit gehörte,
tatsächlich gegeben hat. Luther kritisierte die Kirche nicht nur wegen
des Ablasshandels als Finanzierungsquelle. Er wandte sich auch gegen
den Papst und die ihm nachgeordneten kirchlichen Amtsträger, welche
nach seiner Auffassung zwischen den Gläubigen und Gott standen. Er
konnte aus der Bibel begründen, dass sich jeder Christ der unmittelba-
ren Gnade Gottes ohne Zutun anderer gewiss sein konnte. Damit trug
Luthers Lehre zur Individualisierung der Menschen und damit ein Stück
weit auch zu ihrer Freiheit, die wir heute genießen, bei.
Heiner Lück
Die Geschichte der Universität
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